Das Relikt von Bir Hooker: Die Entdeckung

Das Relikt von Bir Hooker: Die Entdeckung
Reisebericht von Gregor Spörri (gekürzte Fassung)

Wie Gregor Spörri mit Nagib zusammenkam, und was ihm der Grabräuber alles verriet, erfahren Sie in seinem spannenden Mystery-Thriller LOST GOD: Das Jüngste Gericht.

Die lehmverputzten Wände in Nagibs Farmhouse schimmerten in blassem blau. Vorhänge statt Türen trennten die Räume voneinander. Nagib führte mich in eine Kammer und ließ mich auf dem schmuddeligen Sofa Platz nehmen.
Der alte Araber kramte einen Schlüsselbund unter seinem Männerkleid hervor, beugte sich über eine alte Truhe und öffnete sie. Ich reckte meinen Hals, doch Nagibs Rücken versperrte mir die Sicht. Als er sich umdrehte, hielt er ein längliches, von braunem Leder umwickeltes Bündel in den Händen. Er legte es neben mir aufs Sofa und löste die Verschnürung. Unter dem Leder kam ein Stück Leinen zum Vorschein. Vorsichtig faltete er den schmutzig-weißen Stoff auseinander.
Mit einer Mischung aus Neugierde und Verwunderung betrachtete ich den muffig riechenden Gegenstand. Er hatte die Form eines Knebels, war etwa 30 bis 40 Zentimeter lang, sechs bis acht Zentimeter dick, auf der Oberseite flachgedrückt und in der Länge zweimal geknickt. Am dickeren Ende ragte ein Stück Knochen aus dem Objekt. Was ist das?, fragte ich mich. Ein abgehacktes Ziegenbein? Will der Alte mich veräppeln? Ich sah genauer hin. Die haarlose, zum Teil von Schimmel befallene bräunliche Haut war an einigen Stellen aufgeplatzt. Das faserige Gewebe darunter erweckte den Anschein, als hätten Mäuse daran genagt. Schließlich hob ich das gruselige Ding hoch. Es wog einige hundert Gramm. Ratlos drehte ich es um und erstarrte im selben Moment. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Das ist absolut unmöglich!, schoss es mir durch den Kopf. Was ich da in meinen Händen halte, kann es überhaupt nicht geben! Ich zwang mich, den Blick davon zu lösen, und sah zu Nagib hoch. Der stand mit unbewegtem Gesicht über mir. Einen Moment lang starrten wir uns gegenseitig an. In seinen schwarzen Pupillen spiegelte sich das Wissen um ein ungeheuerliches Geheimnis aus längst vergangener Zeit. Erneut glotzte ich auf das Ding. Ist es wirklich das, wonach es aussieht? Der abgehackte Finger eines menschenartigen Monsters, wie sie in alten Mythen, Sagen und in der Bibel vorkommen?

Ich wollte und konnte es nicht glauben, also studierte ich den Finger genauer. Nagib bemerkte mein Misstrauen, griff nochmals in die Truhe, beförderte eine Ledermappe ans Licht und überreichte sie mir. In der Mappe befanden sich ein altes Vergrößerungsglas sowie ein Briefumschlag mit einem vergilbten Dokument. Eine rostige Büroklammer fixierte eine Art Checkliste zum abhaken, eine von Hand zugeschnittene Röntgenaufnahme sowie ein verblasstes Polaroid-Foto des Fingers. Nagib erklärte mir, er habe das Relikt von seinem Vater geerbt, der es seinerseits von seinem Vater erhalten hatte. Woher der Finger ursprünglich stammte, konnte oder wollte mir der Alte nicht sagen. Zur Existenz des Röntgenbilds erklärte er jedoch, sein verstorbener Sohn habe das Relikt vor längerer Zeit von einem befreundeten Klink-Arzt begutachten lassen.

Mein Vater war von Beruf Stilmöbelschreiner. Als Junge war ich oft in seiner Werkstatt und kannte mich mit den unterschiedlichsten Materialien aus. Ich wusste, wie sich die verschiedenen Holz- und Lederarten, Stoffe, Plastik usw. anfühlten.
 Also begutachtete ich den Finger sehr genau. Die Lupe war mir dabei eine große Hilfe. Ich konnte jedoch nichts finden, was auf eine Fälschung hindeutete. Nach gut einer Stunde gab mir Nagib zu verstehen, dass meine Besuchszeit zu Ende sei. Um das Relikt fotografieren zu dürfen, musste ich ein großzügiges Bakschisch springen lassen. Leider war der Film in meiner Kamera bereits zur Hälfte voll. Um die enorme Größe des Fingers zu dokumentieren, legte ich eine ägyptische 20-Pfund-Note dazu. Auf meine Bitte hin machte Nagib auch ein Bild von mir und dem Relikt. Danach begleitete er mich nach draußen, wo der Taxifahrer bereits ungeduldig wartete. Ich fragte den Alten noch, ob er das Ding verkaufe, was er aber energisch verneinte.

Während der Fahrt von Bir Hooker zurück nach Kairo dachte ich angestrengt nach. Hatte ich etwas übersehen? Der Alte handelte seiner Aussage nach mit geraubten Antiquitäten. Warum nicht auch mit Fälschungen? Mit nachgeahmten Figuren, Gefäßen, Möbeln und anderen Gegenständen aus der Pharaonenzeit ließ sich bestimmt gutes Geld verdienen, aber wie war das bei so einem grusigen Ding? Eine Fälschung in dieser Qualität, dazu noch mit Dokumenten und einer Röntgenaufnahme war bestimmt nicht billig. Und dann wollte Nagib mir das Relikt ja noch nicht einmal verkaufen. Je länger ich über alles nachdachte, desto sicherer war ich mir: Das Relikt von Bir Hooker war keine Fälschung!

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